Ausstellungstipp: Portraits in Serie

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© Thomas Ruff / VG Bild-Kunst, Bonn 2011
© / VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Abb: Thomas Ruff (*1958), Portrait (G. Benzenberg), 1985, Color Print, 24 x 18 cm, © Thomas Ruff / VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover

01.04.11 -17.07.11
Portraits in Serie
Fotografien eines Jahrhunderts

Portraits in Serie untersucht anhand von rund 400 Exponaten das Prinzip des seriellen Portraits in der Geschichte der Fotografie im 20. Jahrhundert. Ursprünglich als Vorlage für Gemälde eingesetzt ist das Arbeiten in Serie bis heute eines der wichtigsten Gestaltungsprinzipien in der Fotografie.

Die Ansätze sind vielfältig: Das serielle Portrait als enzyklopädisch angelegtes Mappenwerk über berühmte Persönlichkeiten, als System anthropometrischer Klassifikation für Verbrecherkarteien, als Gesellschaftsportrait eines August Sander, als soziologische Studie von Gesellschaftsschichten, als Versuchsanordnung theatralischer Posen oder als analytisches Herantasten zeitgenössischer Fotografen an grundlegende menschliche Erfahrungen in einer komplexen und widersprüchlichen Realität.

Serien bestehen aus gleichwertigen Teilen, die ein übergeordnetes Thema und formale Konstanten verbindet. Ihr Reiz liegt in der Wiederholung und Variation und lenkt den Blick des Betrachters in einem bestimmten Rahmen auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Dabei lotet die Ausstellung die verschiedenen Spannungsfelder des seriellen Prinzips und damit auch die Haltungen und Motivationen der Fotografen aus.

Herrscht eine Skepsis gegenüber dem fragmentarischen Charakter des Einzelbildes? Erweitert eine größere Anzahl von Bildern die Aussage des einzelnen? Sind Serien als Bekenntnis zum Individuum zu verstehen oder verliert die Individualität der Abgebildeten in der Serie an Bedeutung? Portraits in Seriezeigt mit 32 ausgewählten internationalen Künstlern eine große Bandbreite unterschiedlichster Ansätze der seriellen Fotografie.

Den frühesten Punkt der seriellen Fotografie markieren mehrere Arbeiten aus der ersten Portraitserie der Geschichte der Fotografie von David Octavius Hill und Robert Adamson. Die Serie entstand als Vorlage für ein Gemälde des Malers Hill, das die 450 Gründungsmitglieder der Schottischen Freikirche im Jahr 1843 in einem großen Memorialbild darstellen sollte. Nachdem Hill die Portraitierten in traditionellen Posen der Portraitmalerei arrangiert hatte, fertigte Adamson die Aufnahmen und Abzüge an. Hills Gemälde geriet bald in Vergessenheit. Die Kalotypien, die ursprünglich als Hilfsmittel entstanden, zählen seit ihrer Wiederentdeckung Ende des 19. Jahrhunderts und ihrer Würdigung in Walter Benjamins Kleine Geschichte der Photographie (1931) zu den herausragenden Werken der Frühzeit der Fotografie.

Aus der Idee, mit der Fotografie eine Serie von berühmten Persönlichkeiten – gewissermaßen als Fortführung der feudalen Ahnengalerie – anzufertigen, entwickelte sich schon früh ein zentrales Motiv der Portraitfotografie. Der Hamburger Foto-graf (1848–1849) fertigte zahlreiche Daguerreotypien von den Mitgliedern der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche an. Franz Hanfstaengl portraitierte 1853 in München berühmte Vertreter aus Politik und Kultur für ein Album der Zeitgenossen. In Frankreich erschienen Portraits von bekannten Künstlern, aufgenommen von Pariser Fotografen wie Félix Nadar oder Étienne Carjat, zwischen 1876 und 1885 in der wöchentlichen Galerie Contemporaine.

Das Mappenwerk Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts (1905) mit Fotografien von Rudolf Dührkoop zeigt, dass das Interesse an fotografischen Portraitserien auch Anfang des 20. Jahrhunderts noch ungebrochen ist. Die oft aufwendig gestalteten Mappenwerke entsprachen dem Repräsentationsbedürfnis und Selbstverständnis der geistigen Elite und erfüllten vor den ersten illustrierten Zeitschriften und der Erfindung des Fernsehens die Neugier potentieller Käufer, zu erfahren, wie bestimmte Persönlichkeiten ‚wirklich’ aussahen.

Da die Fotografie – dank ihres mechanisch-technischen Herstellungsprozesses – dem Wunsch nach Objektivität und der exakten Erfassung der sichtbaren Wirklichkeit wie kein anderes Medium entgegenkam, entstanden in der Anfangszeit der Fotografie zahlreiche wissenschaftlich legitimierte Portraitserien von gesellschaftlichen Außenseitern wie Kriminellen oder Kranken. Geleitet von der Annahme, dass der Charakter eines Individuums sich aus den spezifischen Gesichtszügen und Formen seines Kopfes ablesen lässt, wurde die Fotografie als Hilfsmittel der Kriminalistik, Psychologie, Medizin oder Anthropologie eingesetzt. Die bekannteste und folgenreichste Systematik zur Erfassung der menschlichen Physiognomie entwickelte der Pariser Polizeipräfekt Alphonse Bertillon, dessen so genanntes Erfassungsportrait ernst blickende Personen en face und en profil vor neutralem Hintergrund zeigte.

Als System anthropometrischer Klassifikation fand es in zahlreichen Ländern Eingang in Verbrecherkarteien, Gerichtsakten und staatliche Archive. Diese systematischen Typologisierungen prägen später die Parameter der Passbildfotografie, aber auch das Werk künstlerisch arbeitender Fotografen wie Thomas Ruff, der in Portraitserien die Bildsprache wissenschaftlicher Fotografien aufgreift.

Während fotografische Portraits im 19. Jahrhundert zumeist als Auftragsarbeiten entstehen und in der Regel Ausdruck des Bildes waren, das die Portraitierten von sich selber haben, dokumentieren Portraitserien aus dem 20. Jahrhundert eher die Bildvision künstlerisch arbeitender Fotografen. Die Vertreter der Kunstfotografie um 1900, die sich die ästhetische Erneuerung der Fotografie zum Ziel setzten, arbeiteten nur selten in Serien, da sie sich in ihren Werken zumeist an der bildenden Kunst orientierten. Das Interesse an der Arbeit mit fotografischen Serien nahm in den 1920er und 1930er Jahren wieder zu, als die Untersuchung der fotografischen Gesetzmäßigkeiten des Mediums in den Mittelpunkt rückte und Fotobildbände, die illustrierte Presse und der Film eine Blütezeit erlebten.

Als fotografische Methode wurde die Serie nicht nur von Karl Blossfeldt für Urformen der Kunst (1928) oder Germaine Krull für Métal (1927), sondern auch von Portraitfotografen wie August Sander und verwendet.

Die bekannteste und umfangreichste Portraitserie stammt von August Sander, der das Konzept für seine einzigartige fotografische Bildfolge Menschen des 20. Jahrhunderts zwischen 1925 und 1927 entwickelte. Er unterteilte sein monumentales, zeitlebens unvollendetes Projekt in sieben Gruppen (Der Bauer, Der Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt, Die letzten Menschen). Mit seinem soziologisch motivierten Werk will Sander in einer Zeit des sozialen, politischen und mentalen Umbruchs ein typologisches Gesamtbild der Gesellschaft seiner Zeit schaffen. Im Mittelpunkt der fotografischen Portraitserien von Helmar Lerski, steht die theatralische Inszenierung des menschlichen Gesichts. Für seine 1931 als Buch veröffentlichte 80-teilige Serie Köpfe des Alltags fotografierte Lerski die Köpfe von 30 anonymen Modellen in extremer Nahsicht und leuchtete die Gesichter mit Spiegeln und Reflektoren so geschickt aus, dass sich die Abgebildeten in ausdrucksstarke Persönlichkeiten verwandelten. Beide Fotografen verbindet ihre konzeptionelle, serielle Arbeitsweise, ihr Interesse an der Darstellung von Typen anstelle von Individuen und der Anspruch, ein umfassendes Bild vom Menschen und der Gesellschaft geben zu können. Nachfolgende Fotografengenerationen teilen diesen Anspruch kaum.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand die Darstellung berühmter Persönlichkeiten vor allem in Portraitserien von professionellen Fotografen eine Fortführung, die für Zeitschriften arbeiteten. An die Stelle repräsentativer Bildnisse traten unkonventionelle Portraits, die die Abgebildeten in vorgegebenen Situationen zeigten. So portraitierte in seinem New Yorker Studio zwischen 1946 und 1949 Künstler wie Marcel Duchamp oder Igor Strawinsky zwischen zwei schmalen, spitz aufeinander zulaufenden Stellwänden, auf die die Portraitierten mit ganz unterschiedlichen, selbst gewählten Posen reagierten. Der Amerikaner Philipp Halsmann bat Berühmtheiten wie die Windsors oder Richard Nixon, während der Aufnahme in die Luft zu springen und zeigte die Abgebildeten in einem Moment, in dem sie kurzfristig die Kontrolle über ihr äußeres Erscheinungsbild zu verlieren scheinen. Angeregt durch diese Serie bat der Fotograf deutsche Politiker 1963, sich mit einer Holzhantel vor seiner Kamera zu inszenieren, und brach so mit den engen Konventionen des Politikerportraits. Diese Portraits erlauben neue Einblicke in die Persönlichkeit der Portraitierten.

Mit der Übersättigung durch die Massenmedien entsteht in der bildenden Kunst der 1960er und 1970er Jahre ein Unbehagen gegenüber dem Einzelbild. Das wachsende Interesse an seriellen Strategien lässt sich nicht nur auf Andy Warhols Konzept zurückführen, Wiederholungsprinzipien und Vervielfältigungstechniken aus der Werbung in die bildende Kunst zu übertragen. Auch Vertreter der Minimal- und der Konzeptkunst setzten sich in ihren Werken mit seriellen Organisationssystemen auseinander und arbeiteten dabei oft mit dem Medium Fotografie. In der Fotografie lässt sich in dieser Zeit ebenfalls eine Vorliebe für das Arbeiten in Serien beobachten, insbesondere bei konzeptionell und im dokumentarischen Stil arbeitenden Fotografen wie Bernd und Hilla Becher, die ab 1959 Industriebauten in Reihen und Tableaus zusammenstellten. Einige Jahre später beschrieb Klaus Honnef in seinen Thesen zur Autorenfotografie (1979) die Autorenfotografen – analog zu den Vertretern des Autorenfilms – als Fotografen, die sich eng an die dokumentarischen Grundsätze der Fotografie halten, aber die Aussage der Arbeit durch ihren individuellen Blick filtern und verdichten.

Honnefs Beschreibung des Autorenfotografen lässt sich nicht nur auf Sander, sondern auch auf viele zeitgenössische Foto-grafen übertragen: Richard Avedon, Rineke Dijkstra, , , Jitka Hanzlová, Zoltán Jókay, Stefan Moses, oder Thomas Struth und andere. Die größte Nähe zu dem Werk von Sander weist das zwischen 1963 und 1965 für den Stern entstandene Projekt Deutsche von Stefan Moses auf. Im Mittelpunkt der Arbeit steht das Anliegen, „eine Bestandsaufnahme der Bundesrepublik“ und „eine deutsche Berufstypologie“ zu skizzieren. Während Stefan Moses noch versuchte, mit Hilfe einer Portraitserie ein Bild seiner Zeit zu vermitteln, beschränken sich die Paralle-len zu Sander bei den anderen Fotografen auf formale Bezüge. Die Portraits sind ganz- oder halbfigurig, sie zeigen die Ab-gebildeten zumeist aus Augenhöhe, freistehend, in der Bildmitte und mit direktem Blick in die Kamera. Diese Bildkonzeption entspricht eher einer respektvoll-distanzierte Haltung, die den Portraitierten Raum zur Selbstdarstellung erlaubt.

Rineke Dijkstra steht für viele zeitgenössische Fotografen, die eine allgemeingültige, universelle Aussage anstreben. In ihren Großformaten, die drei Mütter nach der Geburt ihres Kindes oder vier anonyme portugiesische Stierkämpfer nach dem Verlassen der Arena zeigen, lenkt die Fotografin den Blick auf existentielle Grenzerfahrungen und versucht authentische Momente der Intensität und Verletzlichkeit einzufangen. Bernhard Fuchs portraitiert die Abgebildeten – wie Faigenbaum, Hanzlová, Jókay, Ross oder Struth – in ihrer unmittelbaren Umgebung und macht Individualität als Wert sichtbar, der auf gesellschaftlichen Zusammenhängen basiert. Die Absicht, explizit „zeitgenössische Portraits“ ohne psycho-logische Deutungen zu machen, verfolgt Thomas Ruff in seiner Serie Portraits. Die Brustbilder zeigen seine Kommilitonen in Alltagskleidung, mit ernstem Gesichtsausdruck, im Profil, Halbprofil oder en face vor farbigen Hintergründen und erinnern in ihre strengen Systematik an Bertillons ‚Erfassungsportraits’ und an herkömmliche Passbilder.

Dass der Wunsch, die menschliche Entwicklung wie in einer visuellen Chronik zu dokumentieren, nicht nur Amateurfoto-grafen, sondern viele seriell arbeitende Fotografen interessiert, belegen auch die Bildfolgen The Brown Sisters von und 100 Jahre von . Nixon fotografiert seine Frau und ihre drei Schwestern seit 1975 einmal im Jahr in derselben Anordnung und schafft so mit seiner derzeit 36 Fotografien umfassenden Serie eine beeindruckende Arbeit über Zeit, Alter und Veränderung. Hans-Peter Feldmanns Serie 100 Jahre (2000) umfasst 101 Schwarzweißfotografien von Menschen im Alter von 1 bis 100 Jahren, von der Darstellung eines acht Wochen alten Babys bis zum Portrait einer hundertjährigen Frau. Ähnlich wie bei Nixon folgen die Einzelbilder einer chronologischen Ordnung.

Während August Sander mit seinem typologischen Portraitkompendium noch eine vollständige fotografische Bestandsaufnahme verfolgte, arbeiten jüngere Fotografen vor allem in Serien, weil diese Methode ihnen ein analytisches Arbeiten ermöglicht. Sie legen den Fokus häufig auf die Darstellung grundlegender menschlicher Erfahrungen und zeigen darüber hinaus ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Vielgestaltigkeit, Komplexität und Widersprüchlichkeit der Realität.

Museum für Kunst und Gewerbe
MKG – Museum für Kunst und Gewerbe
20099 Hamburg
www.mkg-hamburg.de

Quelle: Pressetext

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